Die Sache mit den Nearshore-Modellen

Wer kennt sie nicht, die Anfragen auf LinkedIn und per Mail von Nearshore-Anbietern? Ich kriege davon mehrere pro Woche. Seit mehr als 10 Jahren arbeite ich immer wieder – mal mehr und mal weniger – im Nearshore, habe einige dieser Firmen und Modelle kennengelernt und selber angeboten.

Grundsätzlich muss ich gleich festhalten, dass ich praktisch nur gute Erfahrungen gemacht habe im Nearshore. Wie überall trifft man auf gute und weniger gute Software-Entwickler oder Lieferanten. Meistens ist eher das Modell entscheidend, das bestimmt, wie die Nearshore-Leistungen angeboten bzw. eingekauft werden.

Der Start ins Abenteuer: Freelancer

Als kleines Unternehmen oder Start-up werden zum Start eines Entwicklungsteams üblicherweise Freelancer ins Boot geholt. Diese können über verschiedene Plattformen wie freelancer.com oder upwork.com gebucht werden. Dort kauft sich das Unternehmen in der Regel eine bestimmte Anzahl Stunden, Tage oder Monate oder bucht den Freelancer für eine bestimmte Zeitperiode. Und es gibt auch solche, die einem sogar einen Festpreis anbieten. Freelancer machen aber nur in bestimmten Fällen Sinn:

  • Die Kompetenzen, Freelancer selber zu führen, sind vorhanden. Eine Person mit Erfahrung in der Software-Entwicklung oder sogar eigene Prozesse in diesem Bereich sind unabdingbar.
  • Die externen Kapazitäten werden nur vorübergehend für einen Release oder einen Prototypen benötigt.
  • Das finanzielle Risiko ist klein. Es gibt keine oder nur günstige Zwischenhändler und somit die besten Preise. Und ist man mit dem Freelancer nicht zufrieden, kann man die Zusammenarbeit sehr schnell beenden.

Die Zusammenarbeit mit Freelancern birgt natürlich auch Risiken:

  • Es ist schwierig zu kontrollieren, ob der Freelancer auch wirklich seine Leistungen abliefert und ob er sich z.B. an andere Abmachungen hält.
  • Es ist auch unklar, ob der Freelancer für einen weiteren Release und sein Wissen über die Applikation später noch zur Verfügung steht.

Die professionellen Anbieter: Lieferanten

Eine Firma kümmert sich von A bis Z um deine Software. Die Zusammenarbeit wird vorab organisatorisch und finanziell definiert. Üblicherweise werden die Anforderungen auf einer definierten Flughöhe dem Lieferanten übergeben und der setzt sie dann zu einem Festpreis oder nach tatsächlich angefallenem Aufwand um.

Dies macht insbesondere in diesen Fällen Sinn:

  • Die eigenen Kompetenzen für die Umsetzung einer Software zu führen fehlen. Es gibt weder geeignete Leute im Team, noch irgendwelche Prozesse.
  • Die Kapazitäten werden nur vorübergehend für einen Release einer Software benötigt.
  • Bei einem Festpreis ist das finanzielle Risiko sehr klein.

Aber auch hier gibt es natürlich Risiken:

  • Man muss darauf vertrauen, einen kompetenten und zuverlässigen Partner ausgewählt zu haben. Dieser Selektionsprozess sollte von einem Experten begleitet werden.
  • Egal, ob bei einem Festpreis oder einem Aufwand-basierten Modell: Der Preis wird hoch sein. Vielleicht sogar so hoch, dass fast eigene Schweizer Software-Entwickler angestellt werden könnten.

Die agile Methode: Managed Team

Ein Anbieter stellt die Infrastruktur und Dienstleistung zur Verfügung, die es braucht, damit dein Unternehmen ein eigenes Team aufbauen kann. Je nachdem ist man mehr oder weniger in das Recruiting und die personelle Führung involviert. Fachlich führt das Unternehmen das Team selber und ist 100% dafür verantwortlich dass es genügend Arbeit hat. Das ist genau das richtige Modell, wenn diese Punkte zutreffen:

  • Die Kompetenz, eine Softwareentwicklung zu führen, idealerweise mit festgelegten Prozessen und Tools, ist im Unternehmen vorhanden.
  • Das Team wird permanent benötigt, zum Beispiel wenn kontinuierlich an einem Produkt gearbeitet wird oder genügend Kundenprojekte vorhanden sind.
  • Der Preis ist einfach kalkulierbar, weil hier üblicherweise ein fester Preis pro Mitarbeiter oder Team bezahlt wird.
  • Mit dem Team wächst man und wird mit jedem Projekt besser.

Auch hier gibt es natürlich gewisse Risiken:

  • Das finanzielle Risiko ist höher, weil natürlich auch Leerzeiten bezahlt werden müssen.
  • Es gibt Anbieter, die nicht sehr transparent sind bei den Preisen. Achte darauf, die genauen Löhne der Mitarbeiter, die Lohnnebenkosten und auch die Marge des Anbieters zu kennen. Das ist mittlerweile Standard.
  • Es macht absolut keinen Sinn, dieses Modell zu fahren, wenn der Anbieter keine Festangestellten hat, sondern selber Freelancer einsetzt.

Unser Modell bei bei newsroom.tech

Es ist natürlich möglich, selber eine Nearshore-Firma aufzubauen. Das macht aber nur Sinn, wenn vor Ort ein lokaler Partner ist, der einen zu lokalen Bedingungen hilft und beratend zur Verfügung steht.

Diese Variante haben wir bei newsroom.tech auch geprüft und sind trotzdem zum Schluss gekommen, dass wir die Variante “Managed Teams” wählen. Für uns macht es keinen Unterschied, ob unsere Leute direkt bei uns angestellt sind oder nicht. Was wir wollen ist ein Team, das wir selber zusammenstellen und entwickeln können. Und ein Team, das wir selber uneingeschränkt für unsere Kundenprojekte zur Verfügung haben.

Tomas Huber, CEO newsroom.tech